St. Anna und St. Katharina - Kirche am Lutherweg

Die Dorfkirche von Gütz – ein Kurzführer

Autor: Dirk Höhne

Unweit des Landsberger Burgberges mit seiner berühmten Doppelkapelle befindet sich die Kirche von Gütz. Der Sakralbau liegt im Bereich der alten Ortslage, einem heute zu Landsberg eingemeindeten, ehemals eigenständigen kleinen Dorf im Saalkreis. Bereits 1311 erscheint ein „Theodericus Ghytz“ als Zeuge in einer Urkunde, die Kirche selbst wird allerdings erst relativ spät, nämlich 1540, in den Quellen erwähnt.

Ein Blick auf das Gotteshaus belegt aber dessen weitaus höheres Alter. Dass die „Architektur“ keineswegs „bedeutungslos“ ist, wie noch 1832 im Inventarband der Bau– und Kunstdenkmäler des Kreises Delitzsch vermerkt wurde, soll der folgende Kurzführer veranschaulichen.

Architektur

Heutige Ansicht aus Nordwesten

Das den heiligen Anna und Katharina geweihte Gotteshaus präsentiert sich heute als einfache Saalraumkirche mit Westquerturm und eingezogenem Polygonalchor. Der Turm besitzt die gleiche Breite wie das Schiff und wird oberhalb der Glockenstube aus seinem rechteckigen Grundriss in einen Quadratischen Abschluss überführt, der von einem Dachreiter bekrönt wird. Schiff und Chor werden von zwei 2 Satteldächern mit gleicher Firsthöhe überspannt. Die Kirche wurde aus dem anstehenden, regionaltypischen Baumaterial Porphyr errichtet, wobei an einigen Baugliedern wie Fenstergewänden und Chorsockel Ziegelsteine zur Anwendung kamen.

Wie bei vielen anderen Dorfkirchen auch, entstand das heutige Gotteshaus in Gütz nicht in einem einheitlichen Bauvorgang, sondern ist das Ergebnis zahlreicher Umbaumaßnahmen. Eine baugeschichtliche Analyse erlaubt es, die einzelnen Bauphasen herauszuschälen und zeitlich zu bestimmen. Dabei ist festzustellen, dass große Teile der Kirche aus spätromanischer Zeit – aus dem Ende des 12. Jahrhunderts – stammen. Zudem ist es aufgrund der Befundlage möglich, den Ursprungsbau zu rekonstruieren.

Zu den ältesten Teilen der Kirche gehören die beiden unteren Geschosse des Westturmes und das Kirchenschiff. Während der Turm in seinem Erscheinungsbild durch eine Erhöhung im 19. Jahrhundert wesentlich verändert wurde, erfolgte am Kirchenschiff lediglich der Einbruch größerer Fenster zur Vermehrung des Lichteinfalls. Turm und Schiff waren ursprünglich durch eine Doppelarkade miteinander verbunden, die mit dem Einbau des kleinen verschließbaren Gewölbes im südlichen Turmerdgeschoss teilweise zugesetzt wurde. Die Doppelarkade bot ehemals die einzige Möglichkeit des Zuganges in den Turm, das heutige Außenportal an der Nordseite entstammt erst der neoromanischen Umbauphase.


Mauerstruktur des KirchturmsUrsprünglich wurde der Turm lediglich über die kleinen Schlitzfenster belichtet und belüftet, die sich in den unteren Turmgeschossen noch erhalten haben. In Verbindung mit dem harten und spröden Porphyrmaterial, dass nur schwer in regelmäßige Formen zu bringen ist, und einem daraus resultierenden „archaischen“ Erscheinungsbild der Mauerstruktur wurden diese Bauteile bzw. ganze Kirchen oft fälschlicher Weise mit einem Wehrbau gleichgesetzt. Diese Wehrbautheorie kann auch nicht durch den ehemals mit Riegelbalken zu verschließenden Südeingang an der Kirche unterstützt werden, handelt es sich dabei doch um eine für diese Zeit typische und während des Bauvorganges relativ einfach anzubringende Verschlussart für Fenster und Türen. Das Kirchenschiff besitzt noch heute die Größe des Ursprungsbaues. Mit seinen knapp 87 m² Ausdehnung gehört es im regionalen Vergleich zu den durchschnittlich großen Gemeindesälen romanischer Landkirchen. Wie zwei originale Nischen am östlichen Ende des Saales vermuten lassen, war die Kirche mit einem geraden Chorschluss versehen. Die beiden Mauervertiefungen dienten zur Aufbewahrung der Messgeräte und Hostien. Solche Sakramentsnischen befanden sich in der Regel im Bereich des Chores.


An der inneren Nordwand des Kirchenschiffes konnte jüngst ein bemerkenswerter Befund aufgedeckt werden, die Reste von zwei bauzeitlichen Schalltöpfen. An der Kirchensüdwand dagegen kann noch die eigentliche Belichtung beobachtet werden. Erhalten hat sich ein kleines Rundfenster, das teilweise vermauert ist.

Andere Laibungsreste im weiteren Verlauf der Südmauer lassen noch zwei Fenster dieser Art rekonstruieren. Die beschriebenen Befunde ermöglichen für Gütz die Rekonstruktion eines Ursprungsbaues bestehend aus Westturm und einschiffigem Saalraum, der im Osten vermutlich gerade geschlossen war. Der Querwestturm war um einiges niedriger als heute und besaß wahrscheinlich ein ebenfalls quer zur Kirche ausgerichtetes Satteldach zwischen Dreiecksgiebeln. Die Bauform der Kirche gibt – in Verbindung mit anderen Baudetails- einen Hinweis auf ihre Errichtung zwischen 1150 und 1250.


Noch genauer lässt sich die Erbauungszeit durch das Tympanon über dem südlichen Kircheneingang eingrenzen. Das Türbogenfeld wird von einem mittig angebrachten Krückenkreuz dominiert, das beidseitig je von einer Lilie flankiert wird. Während die angebrachten Ornamente die gängige Ausprägung jener Zeit zeigen, ist die Ausführung des Tympanons als dreifach geknickter Bogen durchaus als Besonderheit zu bewerten. Vergleiche mit analogen bzw. ähnlich gestalteten Tympana legen eine Anfertigung des Gützer Türbogenfeldes im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts nahe. Da sich das Portal offensichtlich „ in situ“ befindet und die erhaltenen romanischen Bauteile von Turm und Schiff einem einheitlichen Bauvorgang entstammen, kann der zeitliche Ansatz letztes Viertel bzw. Ende des 12. Jahrhunderts für die Erbauung der Kirche herausgestellt werden.

Eine durchgreifende Baumaßnahme stellt die Verlängerung der Kirche nach Osten durch den Anbau des polygonalen Chores dar. Dies erfolgte vermutlich im 15. Jahrhundert, wie eine gotische, erst kürzlich aufgedeckte Sakramentsnische mit farbig imitierter Architekturumrahmung in dessen Nordwand nahe legt. Ebenfalls an der nördlichen Chorwand ist im Außenbereich eine zugesetzte Priesterpforte zu erkennen. Als weiteres gotisches Ausstattungsstück ist die einzige noch erhaltene Glocke anzusehen, die 1488 gegossen worden ist.


KirchenglockeEnde des 18. Jahrhunderts fand schließlich eine weitere Umgestaltung statt, die noch heute zum Großen Teil das innere Bild der Kirche prägt. Die inschriftlich auf 1777 bezeugten Dachwerke mit hölzerner Tonne überspannen von da an das Kirchenschiff und den Chor. Es kam zur Errichtung Empore, der Pfarr – und Ältestenlogen sowie eines Kanzelaltars, wobei letzterer laut Inschrift 1778 angefertigt und 1792 staffiert worden ist. Die heute völlig desolate und zerstörte Orgel wurde 1779 von dem Leipziger Universitätsorgelbaumeister Johann Gottlieb Mauer projektiert und, nach 2 Jahren Bauzeit, 1781 von seinem Gesellen und Nachfolger im Amt, H. Gottlob Göttlich, beendet. Ebenfalls im 18. Jahrhundert wurden die neuen größeren Fensterbahnen eingebrochen, das Kirchenschiff mit einem Außenputz versehen und eine – heute nur noch in den Grundmauern vorhandene – Vorhalle im Süden angefügt.


Der im 19. Jh. erweiterte KirchturmDer Westturm erhielt 1854 eine Aufstockung um ein neues Glockengeschoß im neoromanischen Stil. Die Zäsur ist am Außenbau trotz ähnlicher Mauerwerksstrukturen noch gut zu erkennen. Einerseits findet ab Höhe des dritten Geschosses ein großformatiger Bruchstein Verwendung als in den darunter liegenden Zonen, andererseits sind in den aufgesetzten Stockwerken die Fenstereinfassungen und Schmuckelemente (Lisenen und Rundbogenfriese) aus Ziegelsteinen gefertigt worden. Bereits 1886 musste das schadhafte Dachwerk erneuert werden und der Turm erhielt durch den hohen Dachreiter sein heutiges markantes Erscheinungsbild. Ebenfalls aus dem Ende des 19. Jahrhunderts stammt die Ausmalung des Tonnengewölbes im Inneren der Kirche.

Quelle: Gefährdete Baudenkmale in Sachsen–Anhalt, Nr. 37 Dorfkiche Gütz, hg. von: Freunde der Bau– und Kunstdenkmale Sachsen-Anhalt e.V., Halle 2004.